Einleitung

Einleitung: “Objektive Darstellungen” von zeitloser Gültigkeit

Im Jahre 1856 verläßt ein ungewöhnliches Werk die Pressen der k.k. Hof- und Staatsdruckerei zu Wien: die erste Lieferung des ‘Atlas der Hautkrankheiten’. Als Herausgeber fungiert die ‘Kaiserliche Akademie der Wissenschaften’. Autor ist der Dermatologie-Professor Ferdinand Hebra. Die Bilder stammen von Anton Elfinger, Doktor der Medizin. Das Buch ist nicht in üblicher Weise gebunden. Vielmehr liegt ein separat gehefteter Textteil dem aus losen Einzelblättern bestehenden Abbildungsteil bei. Jedes Krankheitsbild ist in zwei Varianten auf 59 x 45 cm großen Kartons wiedergegeben, zum einen als aufwendig mit vier Platten gedruckte Farblithographie, zum anderen als schwarzweiß gehaltene Federlithographie. Während die Farbabbildungen nach Heft und Tafelfolge durchnummeriert sind und am unteren Bildrand die Druckerei sowie den Künstler nennen, weist das deckungsgleich gestaltete Konturblatt den Diagnoseeintrag sowie zahlreiche Hinweisziffern und buchstaben auf, die auf die entsprechenden Erläuterungen im Text verweisen. Text und Bilder einer jeden Lieferung sind in der Art eines Faszikels in eine Mappe eingelegt

Ab etwa 1859 wird Carl Heitzmann wie Elfinger Arzt und Künstler in das Projekt eingebunden. Nach Elfingers Tod, 1864, bringen von Hebra und Heitzmann den Atlas bis 1876 mit Erscheinen der 10. Lieferung zum Abschluß. Alle gängigen Hautkrankheiten sind unter Ausschluß der Geschlechtskrankheiten auf 104 Ansichten abgebildet. Der Text hat einen Umfang von 174 Seiten erreicht.

Welche Ziele verfolgt von Hebra mit einem so opulent ausgestatteten Werk? In Vorwort und Einleitung nennt er einige seiner Motive: Gerade in der Dermatologie sei für Lehrende wie für Studierende die ”objective Anschauung” von zentraler Bedeutung. Diese ließe sich am besten direkt am Patienten gewinnen. Doch nicht überall gebe es große Hautkliniken mit einem breiten Spektrum präsentabler Krankheitsbilder. Plastische Lehrmittel, wie die ”von Künstlers Hand ausgeführten Präparate aus Wachs, Papier maché oder Gyps” vermögen zwar den Patienten weitgehend zu ersetzen, doch noch existierten zu wenige von diesen Studienhilfen. Obendrein sei ihre Herstellung sehr teuer. Daher hätten sich schon seit langem die führenden Dermatologen um die graphischen Künste bemüht und Abbildungswerke von Hautkrankheiten hervorgebracht. Ihr Erfolg nähme sich jedoch bislang bescheiden aus. Entweder würden nicht alle gängigen Hautleiden dargestellt, oder der Verlauf der unterschiedlichen Erkankungen sei nur mangelhaft dokumentiert. Von Hebras ‘Atlas der Hautkrankheiten’ setzt hier an:

(Abb. 2: Ichthyosis hystrix. Konturblatt von Anton Elfinger (vgl. Kat-Nr. 8)

Der Zweck, der uns bei der Herausgabe dieses Werkes vor Augen schwebte, besteht darin, dass wir durch dasselbe ein Clinicum für Hautkranke bestmöglich darstellen wollen, und zwar sollen die Abbildungen die Stelle der Kranken ersetzen, an welchen gelehrt wird, während der Text die Worte des Lehrers zu vertreten hat.”

(Abb. 3: Ichthyosis hystrix. Farblithographie von Anton Elfinger (vgl. Kat-Nr. 7)

Im Zusammenspiel von Bild und Text will von Hebra zu einer ”objectiven Darstellung” gelangen. Dabei tritt der Text in seiner Bedeutung zurück: ”... hier muß die Anschauung das Erste sein, die Schilderung das Folgende.” Von Hebra will in seinem Atlas ”Gesammtbilder” von Hautkrankheiten vermitteln, um daraus die jeweiligen Diagnosen abzuleiten. Hierzu fordert er von sich und seinem Künstler so viele Abbildungen als nötig, ”um den Verlauf der Krankheit dem Beobachter zu versinnlichen”.

Mit der Schilderung kompletter Krankheitsverläufe verfolgt von Hebra auch wissenschaftliche Ziele. Er werde ”dadurch in den Stand gesetzt, den Beweis zu liefern, dass viele, sonst unter verschiedenen Namen aufgeführte Hautkrankheiten als specielle Übel gar nicht existiren, sondern nur Formverschiedenheiten ein und desselben Leidens sind; es wird uns dadurch endlich möglich, eine Purification in der Dermatologie vorzunehmen, unnütze überzählige Krankheitsnamen, die keinen besonderen getrennten Begriffen entsprechen, aus der Nomenclatur zu streichen und das gewaltige Chaos, das in dieser Doctrin herrscht, zu lichten.”

Angesteckt vom Optimismus in der Medizin seiner Zeit, möchte von Hebra mit seinem Atlas ein zeitlos gültiges Standardwerk schaffen. Bewußt hält er keine besondere Reihenfolge der vorgestellten Krankheitsbilder ein, ”um es für alle Zeiten, für alle Orte und für jedes System anwendbar zu machen”:

Indem nämlich, so wie dies bisher geschah, auch in der Folge die dermatologischen Systeme mannigfachen Veränderungen unterworfen werden dürften, würde die Anordnung der Hautkrankheiten nach irgend einem System der Gegenwart wahrscheinlich von keiner Dauer sein, je eigentlich selbst gegenwärtig nur für die Anhänger dieses Systems verfasst erscheinen; denn wie bekannt, hält man sich nicht an allen Orten an eine und dieselbe Eintheilung, sondern man zählt beinahe so viele Systeme als Dermatologen.

Da sich aber die Krankheiten nicht nach den Systemen richten, sondern sich zu allen Zeiten und Orten gleich bleiben, und ein solches Werk, wie das vorliegende, nicht für enge Gränzen in Raum und Zeit berechnet sein kann, so kann es sich auch nicht an die Wandelbarkeit der menschlichen Ideen (in Hinsicht auf die Systematik), sondern an das ewig Unveränderliche der göttlichen Schöpfung (an die Krankheit selbst) knüpfen.”

Der ‘Atlas der Hautkrankheiten’ gilt heute als ein zentrales Tafelwerk in der Geschichte der Dermatologie und als ein Glanzstück der medizinischen Illustrationskunst überhaupt. Dennoch bleibt zu fragen, ob von Hebra seine Ziele erreicht hat. Darüber hinaus bietet sein Tafelwerk zahlreiche weitere Anknüpfungspunkte für medizinhistorische Betrachtungen:

Wie kam dieses ambitionierte Werk zustande ? Wer waren die “Macher” ? Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit zwischen dem Arzt und seinen Künstlern ? Was bedeutet der Atlas für die Situation der Dermatologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ? Wie werden Krankheiten in diesem Hautatlas abgebildet ? Wie reagieren wir auf den Anblick von (Haut-) Kranken ? Welche anderen Abbildungsmedien standen dem Hautarzt ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Verfügung?Wie haben sich die Auffassungen von den wiedergegebenen Leiden geändert ? Wie konnte man den Hautkrankheiten damals therapeutisch begegnen ? Wie behandelt man heute ?

Im Vordergrund der Ausstellung stehen die Atlasbilder. Die zusätzlich gezeigten Photographien und plastischen Objekte sollen vor allem das “optische Umfeld” der von Hebraschen Farblithographien ausleuchten.